Wohl bekam’s!

(Werbung Buchrezension) Wohl bekam‘s!
In 100 Menüs führt das Buch facettenreich durch die Weltgeschichte.
Die Ereignisse erstrecken sich über eine Zeitspanne von 818 Jahren, jedes ist unterhaltsam mit einem Essay beschrieben.
Auf der folgenden Seite (oder Seiten) folgt das Menü in seinen Gängen, aber ohne Rezepte, denn „Wohl bekam’s!“ ist kein Kochbuch, sondern eine Reise durch die Menükarten der Geschichte.

Beim ersten „Menü“ sind es nur die Angaben zu den verspeisten Gerichten, die nicht weiter ausgeführt werden.
Dass diese überliefert sind ist ohnehin ein Wunder, denn König Assurnasirpal II. gab das zehntägige Festmahl vor 2.800 Jahren, zur Einweihung des Palastes von Nimrud.
Die 69.574 Gäste vertilgten unter anderem 100 Mastrinder, 1000 Kälber und Schafe (aus der Stallhaltung), 14.000 Schafe und 200 Rinder aus dem Besitz der Göttin Ischtar, 1000 Frühjahrslämmer, 1000 Schafe, 500 Hirsche, 500 Gazellen, 100 gesalzene Ochsen, 1000 große Enten, 500 Gänse, 500 Hühner, 1000 Wildenten und zigtausende weitere Vögel, Fische, Springmäuse, 10.000 Eier, 10.000 Brotleibe sowie etliches an Knoblauch, Weintrauben, Granatäpfeln, Zwiebeln, Pistazien, Butter, Getreide und Käse, was ein Bruchteil der Liste ist.
Getrunken wurde auch ordentlich: 100 Schalen Mizu-Getränk, 10.000 Krüge Bier, 10.000 Schläuche Wein und 10.000 Töpfe mit gekochten Honigwein.

Weiter geht es mit dem Speiseplan der Bamberger Domherren, serviert 1200 in Bamberg, wo das Menü wesentlich übersichtlicher ist.
Die Einweihung einer Pfarrkirche am 15. September 1303 in Weißenfels bietet ein frühes Beispiel eines kulinarischen Programm’s und die Hochzeit von Violante Visconti und Lionel von Antwerpen ist wohl die spektakulärste im Mittelalter.
Am 28. Mai 1368 heiratete die 14 jährige Violante den 29 jährigen Lionel von Antwerpen.
Serviert wird vergoldetes Ferkel mit Feuer im Mund, vergoldeter Fisch, vergoldeter Hase, vergoldeter Hecht, vergoldetes Kalb und vergoldete Forellen.
Dazu vergoldete Reiher, Enten, Karpfen, Rebhühner, auch der Thymian war vergoldete, so viel zu den Vorspeisen.
Dem folgte ein üppiges Menü, das sich sehr elegant liest.
Für mich das Schöne am Buch: einiges würde ich gerne nachkochen:
Schleien in Zitronensoße klingen verlockend, ich hätte auch nichts gegen Tauben mit Wirsing und Bohnen.
Der 29-jährige Bräutigam hat das Fest nicht lange überlebt, er verstarb vier Monate nach den Feierlichkeiten. Violante heiratete noch zweimal und starb im Alter von 32 in Pavia.

Toll auch das „Schwarze Gastmahl bei Lorenzo Strozzi“, Karneval 1519 Rom.
das Menü nahm seinen Auftakt mit gekochten Fasan unter Totenschädeln, nach dem dritten Gang wurde abgebrochen.

Bartholomäus Scappi, Spitzenkoch der Renaissance, serviert einen Imbiss für den letzten Tag des Jahres, der zwei Stunden noch Sonnenuntergang gereicht wird.
Wobei man sich hier beeilen muss, damit man mit dem Imbiss bis 00:00 Uhr durchkommt.

Spektakulär und das Willkommens-Bankett für Kristina von Schweden am 21. November 1668 Castelnuovo.
Marschall Richelieu kochte für eine Siegesfeier 1757 ein Rind und kreiert hier mit viel Fantasie ein Menü, aus dem es sich lohnen würde einige Rezepte zu entwickeln.
Mir würde das „Krapfen aus Rinderhirn, mariniert in Bitterorangensaft“ vorschweben.

Marie-Antoinette versucht zu sparen, was ich nicht sparsam liest, Goethe gibt 1798 zu Ehren August-Wilhelm Iffland‘s ein illustres Gabelfrühstück.
Einblick wird gegeben in die Speisung eines Landarmenhauses 1856, oder in die koloniale Gesellschaft London’s 1862: im großen Stil importierten die Engländer aus China, Japan, Algerien, auf den Tisch kamen Känguru-Schinken, Hokko-Hühner aus Mittelamerika, kanadische Gänse, syrische Schweine, Truthahn aus Honduras, was nur eine kleine Auswahl ist.

Am 18. September 1874 wird ein Vegetarianer Festmahl gegeben, immerhin öffnet gut 20 Jahre später in Zürich mit dem Hiltl das erste vegetarische Restaurant.
Die Titanic sinkt am 14. April 1912, ein letztes Abendessen wurde noch für die 3 Klassen serviert; das Menü fiel je nach Klasse natürlich unterschiedlich aus.

In der turiner Taverne „Santopalato“ (heiliger Gaumen) entstand am 18. März 1931 erste futuristische Mittagessen.
Das erste Menü im Weltall gab’s am 12. April 1961: Oberleutnant Gagarin genießt in der Raumkapsel Wostok bei einem fantastischen Ausblick ein Frühstück bestehend aus Fleischpüree und Schokoladensoße in Tuben.
Acht Jahre später, am 20. Juli 1969, essen Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond Speckstücke, Pfirsiche und Zucherkekswürfel, dazu Ananas-Grapefruit-Saft und Kaffee.
Die Beatles sind am 27. August 1965 bei Elvis Presley in Bell Air zu Gast. Die Stimmung ist erst miserabel, dann wird gemeinsam musiziert bis auf Elvis‘ Anweisung gegen Mitternacht der Kühlschrank ausgeräumt wird.
Der Snack: gebratene Hühnchenleber im Speckmantel, Fischbällchen süß-sauer, russische Eier, Krebsfleisch, kalte Wurstplatte, Früchte und Käse.

Den Abschluss machen Präsident Barack Obama mit seinem letzten State Dinner am 18. Oktober 2016 im Weißen Haus, das die Früchte aus Michele Obamas‘ angelegten Garten auf den Tisch bringt.
Und zuletzt die Hochzeit des Herausgebers Tobias Roth mit seiner Frau Isabelle Rejall, was nach einem herrlichen Fest in einem Garten des münchner Ostens klingt.

So, das war nur ein kleiner Ausschnitt aus den 336 Seiten, in denen es jeden Tag wieder Spaß macht zu lesen.
Ist auch ein schönes Geschenk, für alle, die sich für Kulturhistorisches interessieren.

Wohl bekam’s!
In 100 Menüs durch die Weltgeschichte.
Herausgegeben übersetzt und eingeführt von Tobias Roth und Moritz Rauchhaus.
Grafisch in Szene gesetzt von zweimal Goldstein plus Schöpfer.
Verlag das kulturelle Gedächtnis, 2018
28,80 €

daskulturellegedaechtnis.de


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